Überwältigende Resonanz

Als wir Erna de Vries für unsere Jahresveranstaltung zum Gedenken an die Deportation der letzten jüdischen Lüdenscheider/innen gewinnen konnten, hofften wir natürlich auf ein reges Interesse. Was sich uns dann jedoch am Abend des 28. April bot, war schier überwältigend. Nach nund nach füllte sich der Violette Saal des Kulturhauses und schnell wurde klar, der Platz wird nicht reichen. Ohne große Umschweife öffnete Kollege Heinze vom Kulturhaus die Wände zum Foyer und holte weitere Stühle herbei. An dieser Stelle herzlichen Dank für diese unkomplizierte Unterstützung. Schließlich fanden sich mehr als 150 Menschen, einige platziert an Stehtischen, ein. Besonders erfreulich, zahlreiche Schülerinnen und Schüler zählten zu den Besuchern.

Den - erfreulichen - Umständen geschuldet, begrüßte Dr. Helmut Ebertz etwas verspätet die Gäste, darunter Bürgermeister Dzewas, und Erna de Vries mit Ihrer Begleiterin Eva Schumacher. Die Pastoralreferentin und Hochschulseelsorgerin an der Hochschule Osnabrück/Lingen ist jahrelange Vertraute und unterstützt Frau de Vries bei ihren zahlreichen Vortragsreisen.

Einführend beleuchtete Dr. Ebertz nochmal einige historische Hintergründe zum heutigen Abend und bereitete damit - nicht nur - für die vielen jungen Zuhörerinnen und Zuhörer eine gute Grundlage für Erna de Vries´ folgenden Bericht. Zunächst jedoch übergab er das Wort unserem Vereinsmitglied Hella Goldbach, die ein jüdisches Gedicht vortrug.

Nun nahmen unsere Gäste am Vortragstisch Platz. Es folgte ein wahrlich eindrucksvoller Bericht über Erna de Vries´ Erlebnisse und Erfahrungen, beginnend, als sie als 14-jähriges Mädchen erfahren musste, wie die jüdischen Mitbürger im nationalsozialistischen Deutschland zunehmend ausgegrenzt und drangsaliert wurden, über ihre Zerrissenheit sich ihrer beruflichen Zukunft widmen zu müssen und doch ihrer Mutter in der sich zuspitzenden Lebenslage zur Seite stehen zu wollen bis zu den erschütternden Erlebnissen der Pogromnacht.

Waren dies alles "nur" Vorboten des Grauens einer drohenden Deportation, kam am 6. Juli 1943 der erwartete und doch gefürchtete Tag, an dem ihre Mutter Jeanette von der Gestapo abgeholt wurde. Der Bedeutung im Klaren, entschied sich Erna de Vries, ihrer Mutter beizustehen und - ohne eigenen Deportationsbefehl - mit ihr nach Auschwitz zu gehen. Dort ertrug sie über Monate den Terror der SS und die unmenschlichen Lebensbedingungen des Lagers. Als sie schließlich auf den Tod in der Gaskammer wartend auf einer Wiese sitzend nur den Wunsch hatte, noch einmal die Sonne zu sehen, wurde sie nur Minuten vor dem Gang ins Gas zur Abkommandierung nach Ravensbrück aufgerufen. Es gelang ihr noch, ihre Mutter ein letztes Mal zu sehen, wobei diese ihr das Versprechen abnahm: "Du wirst überleben und erzählen, was sie mit uns gemacht haben!" In Ravensbrück musste Erna de Vries dann erfahren, dass ihre Mutter in Auschwitz ermordet worden war. Sie selbst jedoch überlebte, eingesetzt in der Rüstungsindustrie bei Siemens und im April 1945 auf den Todesmarsch geschickt, schließlich von amerikanischen Soldaten befreit.

Von ihrem frei vorgetragenen Bericht sichtlich bewegt und beeindruckt, dauerte es einen Moment, bis das Auditorium dann Worte zum Gehörten fand. Besonders die jungen Gäste nutzten die Gelegenheit, um Fragen und Eindrücke loszuwerden, sehr zur Freude von Frau de Vries, die gerne Rede und Antwort stand und abschließend auch die verkauften Ausgaben ihrer Autobiographie signierte.

"Erna de Vries | Ich wollte noch einmal die Sonne sehen"

Studenten des Fachbereichs Geschichte der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster erstellten im Projekt Zeitlupe e.V. unter anderem den Dokumentarfilm "Erna de Vries | Ich wollte noch einmal die Sonne sehen", der dankenswerterweise frei verfügbar ist:

Ge-Denk-Zellen Altes Rathaus Lüdenscheid e.V.
Rolf Breucker ♦ Gotenstrae 10 ♦ 58509 Lüdenscheid
Matthias Wagner ♦ Lindenau 16 ♦ 58511 Lüdenscheid