Arbeitskreis Ge-Denk-Zellen Altes Rathaus

1930 dachte keiner in Lüdenscheid daran, dass 1933 Hitler mit mehr als 40 % zum Reichskanzler gewählt würde. Auch ahnte keiner, dass hier am 31.7.1933 die SA vom Bürgermeister das Kommando über die Polizei erhielt. Und es vermutete keiner, dass der Mord an den Juden, an Menschen mit Behinderungen und an mehr als 550 Gefangenen des Arbeitserziehungslagers Hunswinkel möglich sein könnte. Aber alle Ämter - Bürgermeisteramt, Polizei, Standesamt, Finanzamt, Gesundheitsamt, Gericht, Schulen - und viele Bürger machten mit. Auch der Rüstungs- und Kriegswahn wurde von mehr als 90 % schweigend oder begeistert mitgetragen. Der Fleiß der Lüdenscheiderinnen in den heimischen Rüstungsunternehmen, die ab 1934 viele Waffenteile und millionenfach Munition herstellten, und die Tapferkeit von ca. 8 000 Lüdenscheider Soldaten, von denen ca. 2.700 fielen, haben zum Traum von der Weltmacht Deutschland mit Erbhöfen in Osteuropa beigetragen und in brutalen Schlachten den Tod von Millionen in Kauf genommen, bis die Waffen der Siegermächte den deutschen Siegesmarsch beendeten.

Auch heute stehen westliche, europäische und deutsche Truppen wieder in Kriegsgebieten. Jeder weiß, dass die Spannungen zwischen der islamischen und der westlichen Welt groß sind. Aufgabe Deutschlands ist es, an die Notwendigkeit zu erinnern, im Vorfeld an Konfliktlösungen zu arbeiten. Wenn wir uns daran erinnern, dass am 27.01.1945 das Konzentrationslager Auschwitz von russischen Truppen befreit wurde, dann geschieht das, weil Bundespräsident Herzog diesen Tag eingeführt hat, um nicht zu verdrängen und zu vergessen, dass Menschen auch heute noch aus rassischen Gründen morden und aus oft verschleierten nationalen Interessen Kriege führen.

Ähnlich wie in anderen Städten, insbesondere in Herford, könnten in den alten Haftzellen im Keller des damaligen Rathauses, dem heutigen Alten Rathaus, Alte Rathausstraße 1, Ursachen und Folgen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in unserer Stadt anschaulich und informativ dokumentiert werden. Immer mehr setzt sich die Erkenntnis durch, dass die Demokratie in unserem Land und in unserer Stadt keine Selbstverständlichkeit ist, sondern aus dem Scheitern der Weimarer Republik und den Verbrechen der Nationalsozialisten in jeder Stadt notwendige Erkenntnisse für unsere demokratische Zukunft gewonnen werden müssen. Das Wissen vom demokratischen und menschlichen Versagen und das unendliche Leid der Opfer verpflichten uns heute, durch Dokumentationen und Informationen über das Scheitern damals ein Scheitern in einer heutigen oder zukünftigen Krise zu verhindern.

Ein Teil des Elends ist in dem "Lüdenscheider Gedenkbuch für die Opfer von Verfolgung und Krieg der Nationalsozialisten" dokumentiert. Das ist jedoch abstrakt und nüchtern und kann die Erfahrungen, die in einer Ausstellung am authentischen Ort der damaligen Haftzellen gewonnen werden können, nicht ersetzen. Angesichts der gesellschaftlichen Vielfalt und antidemokratischen Strömungen heute halten wir die Einrichtung der Erinnerungs- und Dokumentationsstellen in den alten Polizeizellen für eine wichtige gesellschaftliche Bildungsaufgabe in unserer Stadt. Stolper-/Gedenksteine können das auch nicht annähernd so umfassend leisten.

Aus den Einladungen zu einer Besprechung über die Möglichkeit zur Realisierung der "Ge-Denk-Zellen Altes Rathaus Lüdenscheid" am 27. Januar 2007

Ge-Denk-Zellen Altes Rathaus Lüdenscheid e.V.
Rolf Breucker ♦ Gotenstrae 10 ♦ 58509 Lüdenscheid
Matthias Wagner ♦ Lindenau 16 ♦ 58511 Lüdenscheid